Vorgestern weckten mich die Sonnenstrahlen. Ich hatte dieses Gefühl hier schon fast vergessen. Erstaunlich, wie anders die Welt auf mich wirkt, wenn ihre Farben leuchten. Gil Scott-Heron sang den ganzen Tag in mein Ohr. Wilhelmsburg ist ein trauriges Märchenland, wenn der Schnee noch die Dächer bedeckt, aber schon von den Ästen tropft. Ich beobachtete etwas ängstlich ein Mädchen, das allein auf den Kanal ging und sah ihr nach, wie sie ihn hinunterspazierte. Es sah aus wie eine Szene aus dem Film. Wie unreal Filme schon sind. Warum eigentlich nicht? Ich war noch garnicht auf Eis dieses Jahr. Ich erinnere mich nicht einmal daran, wann ich das letzte Mal auf einem Gewässer stand. Wie Jesus. Ich kletterte langsam hinunter aufs Wasser, drückte meinen Fuß mit ein wenig Kraft auf um zu testen, ob das Eis auch hält. Ich stand da, auf dem Kanal, der Schnee glitzerte in der Sonne und die Möwen über mir verloren ein paar Federn. Ich nahm sie mit. Dann bekam ich Angst. Eisige Kälte rumorte unter mir. Ich ging schnell zurück zum Ufer und rettete mich auf Eisphalt.
Gestern weckten mich die Sonnenstrahlen. Ich hatte dieses Gefühl schon fast vergessen. Erstaunlich, wie anders die Welt auf mich wirkt, wenn ihre Farben leuchten. Ich setzte die Kopfhörer auf und stampfte durch die Schneepfützen. Beim Verlassen der Insel schwebe ich über rosa Graffitis vorbei an Bürogebäuden, Baracken und den Bildern der Stadt. Die Kirchtürme weit weg, der Fernsehturm im Nebel verschwindend, davor die Kräne, der Hafen, die Container. Industrieromantik. Die Sonne blendet mich, ich lächle. Nachdem ich stundenlang durch die Schanze laufe und den Dingen nachgehe, die schon so lange darauf warteten, dass die Sonne scheint und ich mich entschließe, ihnen Zeit zu widmen, stehe ich vor dem Plattenladen. Warum eigentlich nicht? Es ist schon zu lange her, dass ich mir eine Platte gekauft. Die lila Nike Mokassins mit buntem Indianermuster gibt es leider/zum Glück nicht in meiner Größe. Ich gehe also zum Tresen und frage: Habt ihr die neue Gil Scott-Heron Platte? Oder die neue Sade? Oder beide?
Ich gehe also wieder raus mit der Afrika Ausgabe von Waxpoetics und „I'm new here".
Es ist erschreckend und gleichzeitig ein Wake-Up-Call für uns alle. Liebe dich selbst!
Aber was steckt dahinter? Wieso hält ein schwarzes Kind eine weiße Puppe für schöner, eine schwarze Puppe für hässlich und erkennt, dass die schwarze Puppe sie selbst reflektiert? Es ist unsere Sozialisation. Es ist unsere Erziehung. Es ist, was wir tagtäglich wahrnehmen, was wir in der Schule lernen, was im Fernsehen läuft, was in den Zeitungen steht, was groß über 30 Etagen auf einem Plakat hängt. Weiße Schönheit, weißer Erfolg. Ob in Lagos, in Tehran oder in New York.
Es ist heiß! Der Regen kühlt die Stadt nicht ab. Die Nässe erzeugt mehr Feuchtigkeit, der Schweiß läuft die Stirn herunter während die Regentropfen vom Schirm kullern. Ab gehts in den Bus und jetzt sollte man ne Jeans über die Hotpants ziehen und die Winterjacke rausholen, denn die Klimaanlagen laufen auf Hochtouren. Vorbei am kleinen Big L Mural Malcolm X Blvd/W 140 St und Richtung Süden. Der Bus ist voll. Ich sollte der Frau neben mir vielleicht meinen Platz überlassen, ihre Arschbacke ist sowieso schon auf meinem Schoss. 125th Street, rein in die Pfütze. MetroPCS will mir ein Telefon andrehen, Verizon verkauft keine Simkarten. Wieder die Straße runter, AT&T will mich ausnehmen, bei T-Mobile werde ich dann fündig. Mit einer neuen Telefonnummer begrüße ich also die Stadt: Whaddup New York?!
Der Shea-Butter-Mann guckt freundlich, die Ohrring-Frau genervt. Der Street-Novel-Typ hat seine Bücher unter der Plane, der Regen hat aufgehört. Ich setze mich in die Bahn und fahre in die South Bronx. In der brandneuen übermäßig großen Gateway Mall mit ungefähr nur 5 Läden aber 5 Millionen Parkplätzen sollte ich ne Luftmatratze finden. Und nen Ventilator. Und nen Adapter. Hab den falschen eingesteckt. Nach 3 verdammten Stunden habe ich einen Adapter. Die Amerikaner reisen wohl nicht so gerne. Dafür essen sie viel.
In diesen 3 Stunden, die ich in BestBuy, Home Depot, BedBad&Beyond und BJ’s Wholesale auf der Suche nach diesen 3 Artikeln verbrachte, sind mir mehr fette Menschen über den Weg gelaufen, als sonst zusammengenommen in meinem ganzen Leben. Das ist nicht nett, vielleicht sollte ich fettleibig sagen anstatt fett, hört sich medizinischer an. Ja, ich würde sagen jeder zweite, oder sogar mehr, waren fett und leibig. Nun will ich nichts gegen die dicken Menschen dieser Welt sagen. Das ist in Ordnung. Jeder wie er will. Das Problem ist, diese Menschen wollen bestimmt nicht. Aber sie sind süchtig.
72 Millionen Amerikaner sind fettleibig. Es gibt jetzt doppelt so viele fettleibige Erwachsene und dreimal so viele fettleibige Kinder wie vor 30 Jahren. Alle Staaten (bis auf Colorado) haben eine Fettleibigkeitsrate von mindestens 25%. In New York ist es genau jeder Vierte. Afro-Amerikaner und Hispanics bilden da die Spitze. 75% aller New Yorker bestätigen keine geregelten körperlichen Aktivitäten und 90% essen nicht die empfohlene Menge an Obst und Gemüse pro Tag. Jedes fünfte Kindergartenkind in New York ist fettleibig.
Wieso ist das so? In Manhattan allein gibt es 84 McDonalds Filialen. 2001 hat McDonalds 1,4 Milliarden Dollar für Werbung in TV, Radio und Print ausgegeben. Und dabei gibt es noch Burger King, Wendy’s, KFC, Taco Bell, Pizza Hut, White Castle, oder Papa Johns. Naja und noch so etwa 100 andere Fast-Food Restaurant Ketten. Hinzu kommen all die kleinen Delis und Läden an jeder, wirklich jeder Ecke, die Essen verkaufen. In so einem kleinen Laden stehen dann 5 Kühlschränke mit Getränken, 70% davon verschiedene Soda Varianten, ein bisschen Wasser und Säfte, die keine Säfte sind, sondern Zucker und Geschmack. Chips, Flips, Nachos und alles mögliche mit Käse gibt’s in Hülle und Fülle, Cracker, Biscuits, Eiscreme, Toastbrot, Skittles, Smarties, M&Ms, die Schokoriegelpalette (ungefähr doppelt oder dreifach so viel Auswahl wie in Deutschland) und ach…Essen, Essen, Essen, Trinken, Schlürfen, Schlucken, Kauen, Lutschen, Essen, Essen, Essen.
Kohlenhydrate, Fett, Zucker. Burger, Pizza, Eis. Cola, Donut, Turkey Sandwich. Ich hätte gern mal was leckeres mit Gemüse, aber vegan ist schwer. In der Juice Bar auf der 125th St gebe ich 5 Dollar für nen Saft aus, fünf mal so viel wie für einen Burger (man beachte, Tax kommt dazu). Den Teller, der zwar echt sehr geil ist, kann ich nicht aufessen. Eine New-York Mahlzeit sind 3 Mahlzeiten für mich. Der Magen wächst hier, genau wie die Kleidergröße. Und das wird dann zur Gewohnheit. Der kleine Geldbeutel und die Verführung des schnellen Essens nach einem langen Tag führen dazu, dass man am Ende des Tages mit ein, zwei braunen Tüten voll Fast Food nach Hause geht.
Für mich war McDonals als Kind immer Luxus. Überhaupt sehr grotesk bei dem Essen von Luxus zu sprechen, vergleicht man dies mit der persischen Küche. Aber es war toll, man kann mit den Fingern essen, die ganzen Aromastoffe ließen den BigMac richtig lecker schmecken und es passiert eben selten. Ich wünschte allerdings McDonals wäre Luxus, man müsste 100 Dollar für ein Essen hinblättern, und im 5 Seasons nur 1 Dollar für dieses kleine bisschen Etwas, was man da auf einem schön verziertem Teller serviert bekommt. Dem ist allerdings nicht so. Und die Industrie wettert weiterhin schön darauf hin, die Menschen dumm und fett zu halten. Denn das große Geld steckt im kleinen Geld. Die Summe und Masse machts aus. Körpermasse, Geldmasse und die Masse der Menschen.
Die großen Franchize Firmen stecken hinter dem Leid von Millionen von Menschen. Aber da Money over Politics steht, ist das egal. Denn der Staat macht mehr Kohle mit der Verfettung von Menschen, als er ausgibt für Health Care. Und Money Makes The World Go Round. Aber eigentlich sollte es doch die Masse der Menschen sein, um die sich die Welt dreht und die die Welt in der Hand hat, nicht der Dollar. Hier wieder das Problem des Kapitalismus. Aber dazu ein andermal.