Musik für den denkenden Menschen
Geschrieben von: moonwalker   
Dienstag, 17. Juni 2008 um 22:10

Tübingens Melanus Kwest im Gespräch über sein Solodebüt "Schlicht und ergreifend", warum seine Musik auch noch 25-Jährige erreicht und wieso Frankreichs Superstars IAM einfach nicht nach Rap klingen.

WildstyleMag.com: Vorab: Was zeichnet dich im Gegensatz zu anderen Rappern in Deutschland aus? Warum sollte man dein Album hören und kaufen?

Melanus Kwest: Ich bin einfach ein wortgewandter, vielseitiger und auch nachdenklicher Mensch, was man in den Texten hört. Dazu kommt, dass ich mich schon seit etlichen Jahren sehr für Prosa und Lyrik interessiere. Meine Raps sind insofern aus einem ungewöhnlichen Kontext gewachsen und das ist auch der Grund, dass ich den meisten Rap-Stuff der rauskommt nicht ernst nehme.

WildstyleMag.com: Um welche Art der Prosa handelt es sich? Gibt es da ein besonderes Werk, welches du hervorheben würdest?

Melanus Kwest: Da gibt es viele Schriftsteller, die ich sehr schätze, wie zum Beispiel Thomas Bernhard, Jean Genet, Hans Henny Jahnn, Robert Walser, Georges Simenon oder auch Charles Bukowski. Aber es gibt ein Buch von dem ich behaupte, dass es mein Lieblingsbuch ist: „Unter dem Vulkan“ von Malcolm Lowry.

WildstyleMag.com: Dein Album hat gut abgeschnitten bei uns. Mal ganz direkt gefragt: Was könnte der Grund dafür sein?

Melanus Kwest: Ich denke, dass wir einfach ein unzeitgemäßes Album abgeliefert haben und somit nicht die Zielgruppe bedienen werden, die sowieso schon komplett übersättigt ist. Falls wir überhaupt eine Zielgruppe bedienen, dann „den denkenden Menschen“, ganz gleich aus welcher Szene oder wie alt er ist und natürlich „den echten Hip Hopper“.

WildstyleMag.com: „Den echten Hip Hopper“, das hört man auch kaum noch. Was ist denn „echt“ und was ist „falsch“?

Melanus Kwest: Echt und Falsch hat nicht direkt etwas mit Hip Hop zu tun. Wenn ich jetzt das Rappen an den Nagel hängen würde, weil ich keinen Bock mehr auf die Szene habe, dann würde ich das Schreiben trotzdem nicht aufgeben. Ich würde versuchen Gedichte und Prosa zu produzieren, weil Schreiben der Mittelpunkt meines Lebens ist. Dann wäre ich vielleicht nicht mehr Hip Hop aber trotzdem echt. Ich wäre echt, weil das Schreiben bei mir eine Lebensnotwendigkeit ist, um nicht abzustürzen.

Ich denke, dass Rap das Element ist in dem man am meisten mit falschen Fuffies zu tun hat, da Rapper zu sein für viele bedeutet medienpräsent und reich zu sein. Deshalb haben die meisten Rapper keinen Style und klingen wie tausend andere. Die wollen keine Kunst produzieren, sondern cool sein und Stars werden. Die brauchen Rap nicht wirklich und machen halbherzige zeitgemäße Dinge.

Es gibt Rap-Alben, die allein von der Ausdrucksweise her jemandem der 25 Jahre alt ist nicht mehr zugänglich sind. Manche Rapper benutzen so viel Szeneslang, dass es ein Außenstehender nicht versteht. Das versuche ich bewusst zu vermeiden: Anglizismen benutze ich nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Unsere Musik ist somit auch älteren Menschen zugänglich, von denen wir oft und erfreulicherweise gute Rückmeldungen bekommen.

WildstyleMag.com: Dann frage ich mich, wie ihr an diese Gruppe rankommen wollt. Wie sieht die aus und wie erreicht man die?

Melanus Kwest: Es ist nicht so, dass wir während der Album-Produktion an irgendeine Zielgruppe gedacht haben und wie wir diese erreichen könnten. Wir wollten schlicht und ergreifend ein solides Rapalbum machen, das sich jedoch vom Einheitsbrei abhebt. Erst nachdem wir das Album unter die Leute gemischt haben ist uns aufgefallen, welche Art von Menschen unsere Musik schätzt. Witzigerweise gab es eine Reihe älterer Männer, die viel mit unserer Musik anfangen konnten, aber selbstverständlich auch Gleichaltrige und Jüngere. Daher können wir sagen unsere Musik ist zumindest teilweise Generationen übergreifend. Beim nächsten Album können wir uns dann überlegen wie wir gezielt ein bestimmtes Publikum erreichen können.

WildstyleMag.com: Dein Name ist deutschlandweit noch kein Begriff. Erzähl uns doch kurz und knapp wie du zum Rappen gekommen bist?

Melanus Kwest: Witzigerweise bin ich ein Prototyp von Rapper: „Das Sorgenkind, das von der schiefen Bahn weg zum Rap gekommen ist!“ Mit 13 flog ich von zu Hause raus. Zur gleichen Zeit hörte ich fast ausschließlich das „Bambule“-Album und träumte heimlich davon auch zu rappen. Genauso heimlich fing ich etwas später, als ich in einer Pflegefamilie wohnte und in einer stationären Therapie war (man hielt mich für verhaltensgestört) an zu schreiben.

Richtig entschieden Rapper zu werden habe ich mich während einem einjährigen Aufenthalt in einem Jugendheim. Die ganze Anfangszeit schrieb ich heimlich, und erst als ich meinen damaligen besten Freund Frank3000 kennenlernte, ging ich in Form von OpenMic-Freestyles an die Öffentlichkeit.

WildstyleMag.com: Das heißt du wärst ohne diese ganzen Probleme vermutlich nicht Rapper geworden?

Melanus Kwest: Nein. Wahrscheinlich hätte ich ein Abi gemacht, wäre nun mitten im Studium und würde Rapmusik verachten.

WildstyleMag.com: Gezielt auf deinen Namen gefragt, welche Bedeutung hat er und wie bist du zu ihm gekommen?

Melanus Kwest: „Melanus“ ist ein Phantasiename, den ich vor etlichen Jahren erfunden habe. Ich mag am liebsten melancholische Musik. Daher habe ich das Wort „Melanus“ abgeleitet. Witzigerweise wurde mir gesagt, dass „Melanus“ im Lateinischen „der Schwarze“ heißt und ich finde das passt ganz gut. „Kwest“ ist einfach nur falsch geschriebenes Englisch und steht für das englische Wort „Quest“, also die Aufgabe oder „Question“, die Frage.

WildstyleMag.com: Bei meiner Recherche bin ich auch darauf gestoßen, dass „Quest“ in der Artusepik die Heldenreise eines Ritters beschreibt, welcher auf seinem Weg diverse Aufgaben lösen muss, um Erfahrung und Ruhm zu ernten. Passt doch auch gut auf deinen Werdegang?

Melanus Kwest: Danke für deine Recherche. Mit einem Ritter lass ich mich gerne vergleichen, aber ein Held bin ich wahrlich nicht.

WildstyleMag.com: „Schlicht und ergreifend“ ist der Titel deines Albums, welcher in der Minimalität des Covers ebenfalls aufgegriffen wird. Ist er eventuell zu nichtssagend, zu unspektakulär, um in der Masse der Alben nicht unterzugehen?

Melanus Kwest: Nein, ich habe mich bewusst für diesen Namen entschieden da ich, wie gesagt, nicht die breite Masse ansprechen will, sondern ein spezielles Publikum erreichen möchte. Außerdem stand der Name erst äußerst kurzfristig fest. Auf dem Flyer für die Releaseparty stand noch „Täglicher Wahnsinn“, denn so wollte ich das Album ursprünglich nennen. „Täglicher Wahnsinn“ klang mir aber zu schwulstig Der Name „Schlicht und ergreifend“ spiegelt das Album eher wieder.

WildstyleMag.com: In einer Zeit, in der die Anzahl von (namenhaften) Produzenten eines Albums immer mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückt, hast du allein auf den Stammproduzenten deiner Crew gesetzt. Gab es Überlegungen es anders zu machen, bzw. worin siehst du den Vorteil in nur einem Produzenten?

Melanus Kwest: Vorweg muss ich sagen, dass ich persönlich keinen besseren Produzenten als Undress in meinem Freundeskreis habe. Seine Beats klingen äußerst ausgereift, melodiös, oft traurig, aber trotzdem vielseitig. Zudem gefallen mir die moderneren Rapbeats meistens nicht. Ich stehe auf samplelastige, roughe Beats.

Viele meiner Lieblingsmusiker haben zudem auch auf einen Produzenten gesetzt. Beispielsweise GangStarr, Madvillain, Gnarls Barkley, Wu-Tang, IAM oder Freundeskreis, obwohl ich diese nicht zu meinen Lieblingsmusikern zähle. Was diese ganzen Künstler auszeichnet ist die Eigenartigkeit der Instrumentals. Diese Leute haben das, was dem Hip Hop so oft fehlt, nämlich einen eigenen Sound!

Die meisten Rap-Alben klingen halt wie Rap-Alben, aber ein IAM-Album klingt nicht wie ein Rap-Album, sondern wie ein IAM-Album! Die Beats hatten außerdem noch musikalische Unterstützung: Hanne hat auf mehreren Songs Bass gespielt und Jole Gitarre. So gute Musiker optimieren das Endprodukt um einiges.

WildstyleMag.com: Aus Erfahrung kann ich sagen, dass es heute an der „Tagesordnung“ ist, dass Releases noch vor VÖ-Datum bereits illegal im Internet zum Download bereitstehen. Dein Album ist vor über einem Monat erschienen, aber bis heute nicht auf den bekannten Seiten zu bekommen. Hast du eine Idee woran das liegen könnte?

Melanus Kwest: Ich denke die Nachfrage ist einfach nicht sehr groß, da ich nicht deutschlandweit bekannt bin.

WildstyleMag.com: Da kenn ich aber noch viel unbekanntere Künstler, deren Veröffentlichungen online gestellt werden. Würdest du somit sagen, dass das Internet keinen negativen Einfluss auf deine Verkaufszahlen hat bzw. sogar einen positiven?

Melanus Kwest: Offensichtlich hat das Internet NOCH keinen schlechten Einfluss auf unsere Verkaufszahlen. Das Internet hat andererseits einen positiven Einfluss für Vermarktung, da man ordentlich Werbung machen kann, aber wer kauft noch eine Platte wenn man sie auch umsonst kriegt.

WildstyleMag.com: Das Organisationteam (im Hip Hop Bereich) für das Ract Festival wurde dieses Jahr durch lokale Personen ergänzt. Kannst du uns sagen, welche Auswirkungen dieser Faktor auf das Festival im Gegensatz zum letztjährigen hat?

Melanus Kwest: Die Veränderung verglichen mit den letzten Jahren ist beim Graffiti-Teil zu sehen. Ein Kollege von mir, ein Writer, war dieses Jahr für diesen Teil zuständig. Aufgrund dessen fand dieses Jahr ein Graffiti-Battle statt und bekannte Maler wie Poet, Kakao77, Zebster und Inka wurden eingeladen. Für das diesjährige Line-Up im Rap-Bereich stand nur die Hälfte der Finanzen des letzten Jahres zur Verfügung und dafür haben die Jungs auf jeden Fall ein starkes Programm gezaubert, bei dem ich übrigens auch auf der Bühne stand, ebenso wie Durchdacht und die Hybrids.

REVIEW: Melanus Kwest - "Schlicht und ergreifend"
www.myspace.com/melanuskwest

Kommentare (1)add comment

Frank3000 said:

Ey what, say what!
Ein gutes Interview alte Hütte.
Klingst ja ganz zahm!?
Juni 19, 2008

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