Joe Rilla - Deutsch-Rap-Hooligan
Geschrieben von: pasu   
Montag, 21. Juli 2008 um 12:50
Beitragsseiten
Joe Rilla - Deutsch-Rap-Hooligan
Seite 2
Seite 3
Seite 4
Seite 5
Alle Seiten

German American Gangster - Mixtape Special Pt.1 - Hagen Stoll hat sehr viel gesehen und erlebt, seit er Ende der Achtziger Jahre Graffiti Bomber wurde - Veränderung und Umbruch, Siege und Niederlagen reihten sich aneinander. Heute, rund zwanzig Jahre danach, ist er einer der bekanntesten Rap-Musiker des Landes: Joe Rilla über enttäuschte Hoffnungen aus der Ära von Genscher und Kohl, seine Abwendung von der Politik, Faschismus durch Zensur, den Tod seines ungeborenen Sohnes und wieso es Menschen gefällt, ihn als "Nazi" zu hassen.

WildstyleMag.com: Vor kurzem vermeldete die deutsche Industrie & Handelskammer, dass die Wirtschaft in der neuen Bundesländern in diesem Jahr erstmals stärker zunehmen werde, als in den alten. Werden die Marzahner Betonburgen in Zukunft blühenden Landschaften weichen?

Joe Rilla: Das ist ja schon so. Die Platte in Marzahn hat sich im Vergleich zu vor 20 Jahren enorm verändert und es ist durchaus angenehm dort zu wohnen. Fassaden wurden saniert, viel wurde gemacht und getan. Dennoch habe ich auf „Auferstanden aus Ruinen“ auch gesagt, dass auch wenn man die Gegend verschönert, die Leute dort die gleichen bleiben. Menschen kann man nicht sanieren.   

WildstyleMag.com: Die Handelskammer ist der Auffassung, dass die unterschiedlichen Tarifsysteme ein klarer Standortvorteil für den Osten wären.

Joe Rilla: Das halte ich für Schwachsinn. Zwanzig Jahre ist die Wende jetzt her und es gibt immer noch unterschiedliche Tarifsysteme. Die westdeutschen Bundesländer sind der Auffassung, sie müssten das investierte Geld jetzt einsparen. Ich finde es genauso wenig in Ordnung, wenn Männer mehr verdienen als Frauen.

WildstyleMag.com: Trägst du mit deiner Musik nicht auch dazu bei, die "Mauer in den Köpfen" aufrecht zu erhalten? 

Joe Rilla: Natürliche sage ich mit meiner Musik, dass es ein Ost und ein West gibt, aber damit betreibe ich einen Journalismus aus meiner Gegend, um zu zeigen wie es hier aussieht. Die Tarifsituation dagegen kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Und generell: Statistiken sind für mich heuchlerisch. Wer weiß schon welche Faktoren alle mit einfließen.

Fakt ist, dass jemand aus Stendal, Leuna oder Jena fast immer seinen Ort verlassen muss um Arbeit zu finden. Es gibt Statistiken, die genau das Gegenteil belegen würden, sprich: der Osten holt nicht auf. Ich weiß wirklich nicht von welchem Wirtschaftsaufschwung die Handelskammer spricht.

WildstyleMag.com: Hältst du es für kompliziert, jemandem, der mehrere Jobs benötigt um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, niedrigere Löhne als Standortvorteil zu verkaufen?

Joe Rilla: Na und wie. Eine Gegend kann man ändern, die Menschen aber nicht. Das ist heuchlerisch. Die meisten Plattenbauten sind jetzt privatisiert. Natürlich ist einem Eigentümer daran gelegen seine Häuserblocks zu verschönern, da er logischerweise Geld durch die Mieter verdienen möchte. Aber was ist wenn sich die Leute höhere Mieten nicht mehr leisten können?

WildstyleMag.com: Sprichst du aus eigener Erfahrung? 

Joe Rilla: Ich kenne genug Leute, die in fünfstöckigen Häusern wohnen, in die nachträglich ein Fahrstuhl eingebaut wurde. Den bezahlen sie in den Nebenkosten selbstverständlich mit. Ganz ehrlich: Die sind 40 Jahre lang die Treppen hochgestiegen und hatten damit kein Problem. Sie haben nicht darum gebeten, dass jetzt ein Fahrstuhl eingebaut wird. Hierbei geht es Marktwirtschaft und Kapitalismus. Die setzen sich auch in den Bezirken durch. 

WildstyleMag.com: Bist du ein politischer Mensch?

Joe Rilla: Nein, ich habe meine eigene Politik. Die Frage ob ich mir viele Gedanken über Politik mache oder ob ich mich engagieren würde, wird mir aber immer öfters gestellt. Dabei habe ich mit Politik gar nichts am Hut. Meine Antwort ist dann immer, dass ich Politik mache, aber auf meine Weise, durch meine Musik. Ich war ein politischer Mensch, aber das ist vorbei. Es hat mich nur noch genervt.

WildstyleMag.com: Dennoch hast du erst letztens in einem Interview verlauten lassen, Rapper sollten politischer werden.

Joe Rilla: Politik muss in dem Moment erst einmal definiert werden. Wenn ich diesen Wunsch äußere meine ich damit, dass Rapper von den Missständen in ihren Gegenden sprechen sollen oder von den Problemen die ihnen auffallen, die sie im Prinzip ja auch wiederspiegeln. Stattdessen reden wir dauernd von fiktiven Gegnern in Battle-Texten.

WildstyleMag.com: Am besten ist es doch, man geht mit eigenem Beispiel voran, oder?

Joe Rilla: Auf meinem neuen Album spreche ich Politiker direkt an: Merkel, siehst du das nicht? Komm doch mal die Frankfurter Allee  runtergefahren bis nach Lichtenberg und schau wie viele Leute morgens um sechs Uhr vor der Lichtenberger Tafel stehen. Guck dir das mal an, tu nicht so als würdest du das nicht sehen. Erzähl keine Geschichten von wegen der Osten würde aufholen.

WildstyleMag.com: Was folgerst du für dich daraus?

Joe Rilla: Früh morgens stehen vor der Tafel schon zwei- bis dreihundert Leute und wollen essen, weil sie mittellos sind und kein Geld haben. Wenn dieser Zustand Bestand hat, und die Leute zwei Jahre lang immer wieder kommen, dann hat sich offensichtlich nichts geändert. Dann habe ich mein Vertrauen, welches ich in die Politik gesteckt habe verloren.

Ich kann den Leuten nur berichten wie es aussieht, aber ich kann nichts verändern. Was ich kann ist Hoffnung geben und deutlich machen, dass ich jemand bin der die Probleme anspricht, auch gegenüber Politikern! Viele Menschen leben heute unter dem Existenzminimum.

WildstyleMag.com: Die Armutsgrenze liegt in den neuen Bundesländern bei 600 EUR, oder?