Ali A$ - Realistisch bleiben
Geschrieben von: pasu   
Sonntag, 25. Mai 2008 um 20:34

Seiner Biographie entnimmt man, dass er in der Nähe des Oktoberfests geboren wurde, Geschlechtsverkehr mit der Kindergärtnerin gehabt haben soll und das Publikum in Münchens Flavaclub "mit schlechten Freestyles belästigte". Zu ernst nimmt sich Deluxe Records´ Ali A$ mit Sicherheit nicht. Ein Gespräch über "Abschaum und Pöbel" in modernen Clubs, seinen tiefsitzenden Menschenhass und den neuen Tonträger.

 

WildstyleMag.com: Nach deinem Mixtape "Wie baut man eine Bombe?" (2007) sollte das Album "Rowdy Mucke" erscheinen. Nun kam mit "Der Countdown läuft" am Freitag über Deluxe Records zunächst noch ein zweites Mixtape. Hattest du Angst in Vergessenheit zu geraten?

Ali A$: Nein, "Rowdy Mucke" sollte das Album vom Neuen Süden werden. Das wurde aber auf Eis gelegt, da es Komplikationen gab und die Zeit noch nicht stimmte. Auch für mein Album war die Zeit noch nicht reif. Mixtapes zu machen ist schön und gut, aber als Künstler wird man nach dem Album beurteilt. Ich wollte mir noch mehr Zeit lassen und hätte es sehr schade gefunden, wenn mein Album untergegangen wäre.

WildstyleMag.com: Also hast du selbst noch Defizite bei dir erkannt?

Ali A$: Nein, nein (lacht), so sollte das nicht klingen. "Wie baut man einen Bombe?" war im letzten Jahr eines der besten Produkte auf dem Markt. Versteh mich nicht falsch, ich bin schon sehr selbstkritisch, bloß die Alben, auf die man letztes Jahr wirklich gewartet hat, waren im Endeffekt ja nicht so toll. Nur Kollegah hat mich wirklich amüsiert und entertaint.

Mein erstes Album soll nach Erscheinen eine längere Halbwertszeit besitzen. Mein Name ist noch nicht so bekannt. Außerdem hatte ich unglaublich viele Songs. Von einem Busta Rhymes hört man auch, dass er hunderte Tracks für "The Big Bang" aufgenommen hat, von denen viele dann auf schlechten Mixtapes erscheinen. Darum die Entscheidung, jetzt erst noch "Der Countdown läuft" zwischenzuschieben.

WildstyleMag.com: Apropro schlechte Mixtapes. Sind Mixtapes allgemein nicht schlechtere Alben?

Ali A$: Bei den Amis definitiv, bei den Deutschen noch viel mehr (lacht). Nein, also "Der Countdown läuft" hat ja auch nicht wirklich was von einem Mixtape. Es ist einfach ein Tonträger von mir. Mit den Songs drauf kann ich sicher keine Leute überzeugen, die sich eh schon lustig machen über Menschen mit Caps und weiten Hosen. JR Writer zum Beispiel hat hart viele Mixtapes veröffentlicht, bis das Niveau so hoch war, dass sein Album bei Veröffentlichung eigentlich ein schlechteres Mixtape wurde. Man sollte sein Pulver nicht zu früh verschießen.

WildstyleMag.com: Es gibt ein Zitat über dich: "Er ist Münchens Antwort auf Lil Jon, Ludacris und Lil Wayne zusammen." Frage: Ist das positiv?

Ali A$: Gegenfrage: Wo hast du das her?

WildstyleMag.com: Erst die Antwort...

Ali A$: Eine schöne Alliteration mit drei L. Ludacris ist jemand, bei dem ich verstehe worauf er hinaus will und ich finde ihn sympathisch. Insofern wäre das keine Beleidung. Mit Lil Jon kann ich weniger anfangen. Ich schreie zwar auch mal rum, aber schneide mir immer schön die Haare. Und Wayne war bis zu diesem Jahr echt gut (lacht). Ich bin weder auf Sizzurp hängengeblieben, noch verwende ich Autotune, sehe mich aber nicht wie er.

Von der Richtung her kommt Ludacris hin, vor allem weil er nicht denselben Schwachsinn macht, wie alle anderen Rapper aus dem Süden. "Stay Together" finde ich erfrischend. Ich mag es, wenn es zumindest um irgendwas geht. Auch wenn er dafür kein Bundesverdienstkreuz erhalten wird. Mit Leuten wie Gorilla Zoe oder Plies kann ich hingegen nichts anfangen.

WildstyleMag.com: Ich hatte gefragt, weil die Jungs ja nicht als die Überrapper gelten.

Ali A$: Geht so. Wenn man Ludacris mit Eminem und Busta Rhymes auf einem Track hört, hat man schon alle relevanten Flows zusammen. Und gerade Lil Wayne wird von den Künstlern aus dem Süden als einer derjenigen gehandelt, der noch Lyricist ist.

WildstyleMag.com: Na gut. Das Zitat stammt aus deiner eigenen Presseabteilung.

Ali A$: Ach was (überrascht)? Also wenn jemand sagt die Beats sind südlich angehaucht, geht das noch ein. Aber bei Ludacris erkenne ich die Richtung schon am meisten. Ich gucke auch was für ein Character durch diesen Künstler erzeugt wird. Lil Wayne kommt weniger in Frage, und Lil Jon eh nicht. Insofern stimmt das zu einem Drittel (lacht).

WildstyleMag.com: Auf deinem neuen Mixtape findet sich ein Song, "Mitarbeiter des Monats", den du selbst mit dem Satz kommentiert hast, "Ist der Ruf erst ruiniert, wird auf der Bühne uriniert". Du hast außerdem empfohlen Samy Deluxe persönlich nach der Hintergrundstory zu befragen. Nun telefonieren wir beide. Was ist passiert?

Ali A$: Es gibt einen ganz bestimmten Vorfall, wonach dieses Lied geschrieben wurde. Sam hatte ein Soundsystem in München. Ich war davor bei einem Griechen und habe zum ersten Mal im Leben eine ganze Flasche Uso gesoffen. Beim Auftritt stand ich mit hinterm Pult, schon völlig im Blackout, und sollte rappen. Das Publikum war am Ausrasten, ich wollte irgendeine große Ankündigung machen und habe zwei Minuten gebraucht, bis alle still waren. Leider hatte ich bis dahin schon wieder vergessen, was ich eigentlich sagen wollte. Das war harter Fremdscham.

Später gab es Komplikationen mit der Veranstalterin, die Sam aber längst geklärt hatte. Bloß für Mo und mich war das ein gefundenes Fressen. Wir haben sie aufs übelste beleidigt, wollten Samariter spielen, haben dann den kompletten Backstage-Raum auseinander genommen, und irgendwie vergessen, dass der Labelboss auch anwesend ist. An dem Abend sind wir auf jeden Fall übers Ziel hinaus geschossen.

WildstyleMag.com: Wie arbeitet man bei Deluxe Records eigentlich allgemein? Hast du da mehr oder weniger völlig freie Hand?

Ali A$: Ich bekomme alles vordiktiert (lacht). Nein, nein. Sam merkt bspw. an, dass viele Songs zuletzt in eine bestimmte Richtung gingen, und man jetzt etwas anderes ausprobieren solle, damit das Album dann eine Bandbreite wiederspiegelt. Komplette Songs sind wichtig. Ich habe z.B. 2005 ein Rap-Märchen geschrieben, welches aber noch auf Eis liegt, da wir es noch nicht verbraten wollten. Und von Labelseite aus werden eben die Rohdiamanten geschliffen, so wie bei Aggro Berlin. Da kannst in einem Satz zusammenfassen, dass Sido der Typ mit der Maske ist, B-Tight der N-ger N-ger und Fler der krasse Deutsche.

WildstyleMag.com: Du sprichst diese verschiedenen Bilder an, die man mit Künstlern verbindet. Wer hat sich dann für dich und deine Mixtape-Album-Triologie dieses Bombenbild ausgedacht? Dein Album soll "Geld her ich habe eine Bombe" heißen.

Ali A$: Das kam von mir und 2003 gab es schon eine Veröffentlichung damit. Woher das genau kommt, kann ich nicht sagen. Vielleicht ist es mein tiefsitzender Menschenhass... (Pause. Betretenes Schweigen in der Leitung) Haha, nee, das Bombenbild ist einfach sehr stark. Egal um welches Album es geht, "du musst dir das reinziehen, das ist die Bombe!", weißt du was ich meine. Nach 9/11 damit zu hantieren fand ich ganz interessant, denn heutzutage musst du irgendwie im Gedächtnis hängenbleiben.

WildstyleMag.com: Thema Menschenhass. Ich musste sehr lachen als ich las, dass du einen Song namens "Cockblocka" auf dem Mixtape hast. Ich glaube viele wissen mit dem Begriff noch nichts anzufangen. Wenn wirklich jede Story auf dem Mixtape wahr ist, wie du mir erzählt hast, wieso musstest du also an mindestens einem Abend alleine nach Hause gehen?

Ali A$: Die Story ist folgende: Wir waren zu mehreren in Hamburg unterwegs. Einige Tage zuvor wurde gerade einer von uns hart geblocked, als ein geiles Mädel mit einer Schabracke, so vom Typ "Ich werde aller Wahrscheinlichkeit nach heute keinen Spaß haben" unterwegs war. Die wollte natürlich auch nicht, dass ihre geile Freundin sich dann mit meinem Kumpel amüsiert, während sie alleine in der Ecke steht. So wurde ihm klassisch die Tour vermasselt (lacht).

Einige Monate später wurden wir in Hamburg dann auf einer Party geblocked von Leuten, deren Namen ich jetzt nicht nenne. Das war aggressives Cockblocking! Die haben ein bestehendes Gespräch durch ihre penetrante, plumpe Art komplett zerstört. Du hast das Feuer in ihren Augen gesehen. Sie wollten an dem Abend unbedingt noch was reißen.

WildstyleMag.com: Im Intro des Songs sagst du, jeder von uns könnte einer sein, denn niemand ist davor gefeit.

Ali A$: Klar. Wenn man drunk ist, jemand unterhält sich gerade mit einer Keule, und du ruft auf deinem Zerstörerfilm ganz laut "Gang Bang" dazwischen, ist das charmante Gespräch deines Kumpels natürlich erstmal dahin. Das ist dann allerdings eher so ungeplantes Cockblocking - ohne wirklich nachzudenken und die Keule selbst klar machen zu wollen.

WildstyleMag.com: Arbeitest du im Moment noch fürs Fernsehen? Ich habe gelesen du produzierst Werbespots.


Ali A$: Eines der harten Gerüchte, welches nicht stimmt. Ich habe früher Trailer für Spielfilme produziert, was ein nicer, wenn auch sehr stressiger Job war. Dafür muss man nicht großartig was gelernt haben und es gibt genug Freaks, die sich Programme aneignen, um später richtig Cash damit zu verdienen. Was ich im Moment anpeile ist Werbetexter für Mediaagenturen zu sein.

Man muss ja auch realistisch bleiben, egal wie viel man sich in Songs wegfeiert. Wer nicht zu den ganz, ganz Großen im Rap-Bereich in Deutschland gehört, hat es schwer Geld zu verdienen. Ich hatte damals eh keine Lust mehr auf den Job, und wollte unbedingt probieren meinen Traum zu verwirklichen, einfach um später auch sagen zu können, man hat es wenigstens versucht. Trotzdem habe ich "normale" berufliche Ziele und drehe nicht ab.

WildstyleMag.com: Das ist eine realistische Einschätzung, die nicht jeder an den Tag legt.

Ali A$: So realistisch muss man auch sein. Ich will ein nices Album machen und mein bestes geben, aber nicht alles hängt von einem selbst ab. Außerdem möchte ich nicht wie andere, ich nenne keine Namen, jahrelang rumhampeln und mich peinlich machen. Die sagen dann "Ich hab´s eigentlich voll verdient" und "Ich bin doch eigentlich ein guter Rapper". Fuck it! Dann sind halt gerade keine guten Rapper und Musiker gesucht. Ich werde für mein Album schauen, wo die Schnittmenge zwischen mir und den Käufern ist. Ansonsten mache ich beruflich zur Zeit viele Werbesongs für Firmen.

WildstyleMag.com: Kennt man einen davon vielleicht?

Ali A$: Nein, das sind alles Low Budget-Aufträge.

WildstyleMag.com: Welche Hauptmotivation erkennst du bei anderen zu rappen?


Ali A$: Viele Leute machen Musik aus den falschen Beweggründen, wollen den dicken Max raushängen lassen, hoffen sich einen Vorteil zu erhaschen und geil sein zu können, sind im echten Leben aber totale Moppel. Viele Leute die ich kenne, haben viel mehr Möglichkeiten, nutzen sie aber nicht. Und auch die allgemeine Grundstimmung hat sich geändert: Heutzutage ist es geil, wenn du dumm bist.

Frauen musst du nicht mehr kommen mit Sätzen wie, "Du, ich bin gebildet, ich habe studiert", lieber nehmen die jemanden, der der übelste Schläger und über beide Ohren zutätowiert ist. Guck ins Fernsehen: Leute die gar nichts können sind heute cool. Es hat eine komplette Werteverschiebung über die Jahre stattgefunden. Da schreibe ich lieber an einer Comedy-Show und verschiedenen Sketchen, einfach weil ich Bock drauf habe.

WildstyleMag.com: Das passt zum Song "Gestern & Heute", auf dem du sagst: "Ich will nicht rumheulen, damals war es besser als jetzt, aber das gute Gefühl von gestern ist weg." Auf welche Zeit bezieht sich der Track genau und was sind deine schönsten Erinnerungen an damals?

Ali A$: (überlegt) Das Grundgefühl der späten 80er und 90er Jahre hat mir gefallen, die Zeit an sich. In den heutigen Clubs findet man nur noch Abschaum und Pöbel. Auf Partys gibt es nichts zu feiern, trotzdem schießen sich alle ab und realisieren nicht, dass das einfach nur Verdrängung ist. Damals war es schöner. "Damals wollten Mädchen, dass du sie einlädst und Gentlemen, heute gibt es Blind Dates per MySpace und MSN", sage ich auf dem Song.

Heute kannst du alles jederzeit überall bekommen, und musst dich nicht mal großartig anstrengen dafür. Damals war es ein Akt, an die Musik, die du feierst, ranzukommen. "Friss oder stirbt", das spiegelt unsere Zeit wieder. Andere Sachen dagegen ändern sich nie. Aus Chevignon-Jacken werden Picaldi-Jacken. Aber das Prinzip bleibt das gleiche.

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www.deluxe-records.de
www.myspace.com/aliquaida

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