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Seite 1 von 5  Er rappt aus der Sicht eines Holocaustüberlebenden und eines in Israel lebenden Nachkommen von Überlebenden. Mit seiner explizit antirassistischen Haltung zählt Danger Dan in der deutschen Hip-Hop-Szene heute zu den Ausnahmen.
Am Rande der Aachener Altstadt befindet sich der "Geheime Raum", das Studio der Anti-Alles-Aktion. Danger Dan ist einer der Mitbegründer der Crew. Sein Bruder Panik Panzer arbeitet gerade an einem neuen Album mit Koljah und NMZS. "Absturz!", kommentiert Danger lachend einen der gewohnt satirischen Songs, die just im Entstehen begriffen sind. Danger Dan ist entspannt. Am Nachmittag hat er der Jüdischen Allgemeinen in seiner WG ein Interview gegeben. Sein Song "Sommerlüge" hatte das Interesse der Wochenzeitung geweckt. Lest nun das fast ungekürzte Gespräch, das dem Artikel zugrunde liegt.
Fotos: Demian TaschenmacherWildstyleMag.com: Der Titel Deines Solodebüts lautet "Coming out". Ist Dir mit Deinem vermeintlichen Coming out als Rapper vielleicht wirklich etwas mulmig zumute?
Danger Dan: Ist mir (lacht)! Ich muss auch zugeben, dass wenn ich Leute kennenlerne, denen nicht direkt auf die Nase binde, dass ich Rapper bin. Der Stereotyp Rapper ist wahrscheinlich ganz anders als der Mensch, der ich bin. Deswegen auch "Coming out" und die Metapher mit dem Sich-outen als Rapper. Unwohl ist mir schon manchmal, aber eigentlich bin ich auch gerne Rapper.
WildstyleMag.com: Du sagst den Leuten wirklich nicht, dass Du Rapper bist?
Danger Dan: Je nachdem, wen ich wie kennenlerne. Manche Leute wundern sich auch, wenn ich sage, dass ich Rapper bin. Viele kennen mich als Pianist, als Sänger, als Künstler, der ganz viele verschiedene Sachen macht. Ich spiele in einer Funk-Band und in einer Reggae-Band. Ich habe Filmmusik gemacht, Musik für Theater, alles Mögliche mit verschiedenen Instrumenten. Ich versuche, davon zu leben. Und vielen Leuten, mit denen ich dabei zusammenarbeite, habe ich noch nicht auf die Nase gebunden, dass ich außerdem noch Rapper bin. Das ist schon ein richtiges Alter ego. Ich arbeite auch musikpädagogisch mit Kindern. Die wissen zwar, dass ich Rapper bin, und ich rappe auch mit denen. Aber auch wenn ich besser rappen kann als die alle, würden die mich wahrscheinlich nicht mal als Rapper bezeichnen.
WildstyleMag.com: Haben die Kinder vielleicht schon was von Deinem "Gangsta-Rap"-Projekt Caught In The Crack mitbekommen?
Danger Dan: Ich hoffe nicht (lacht). Und wenn doch, würde ich denen die Schallplatten wohl abnehmen. Ich habe mit Caught In The Crack übrigens auch gar nichts zu tun. Ich werde öfter darauf angesprochen, aber es handelt sich dabei schlichtweg um eine Verwechslung.
WildstyleMag.com: Mit "Sommerlüge" hast Du wahrscheinlich den ersten deutschsprachigen Rap-Track gemacht, der sich mit der Schoa auseinandersetzt. Wie war darauf bisher die Resonanz?
Danger Dan: Es ist auf jeden Fall das Lied von der "Coming out"-EP, das am meisten diskutiert wird. Viele haben gesagt: Supergeil! Die freuen sich und finden das richtig. Andere finden unglaublich, dass es anscheinend das erste deutschsprachige Rap-Lied ist, das sich kritisch mit Antisemitismus beschäftigt. Das ist vielen aufgefallen. Ich habe viel positive Resonanz erfahren, aber auch viel Kritik. Es gab Leute, die gesagt haben: "Das geht nicht, du kannst diese beiden Geschichten nicht nebeneinanderstellen. Du kannst nicht von einer KZ-Überlebenden mit Barcodierung auf dem Handgelenk erzählen und in der nächsten Strophe davon, wie Menschen in Israel mit Antisemitismus konfrontiert sind." Kritik von Leuten, die sich vielleicht noch intensiver oder wissenschaftlich mit Antisemitismus beschäftigen und vielleicht nicht so intuitiv wie ich so ein Lied schreiben würden. Die haben dann versucht, das auseinanderzureißen: "Der Iran baut keine Langstreckenraketen, der hat welche! Der baut Atomwaffensysteme!" Aber insgesamt war die Resonanz eher positiv. Ich freue mich auch, wenn Leute einfach Fragen haben oder sagen: "Hör mal, da müssen wir mal drüber reden…" Zum Beispiel über den Iran. Dann ist immerhin was angekommen. Die Leute haben’s gehört.
WildstyleMag.com: Du hast es eben schon angesprochen: In der ersten Strophe von "Sommerlüge" versetzt Du Dich in die Lage einer Holocaustüberlebenden, die in einem deutschen Altenheim lebt. In der zweiten Strophe in die eines in Israel lebenden Nachkommen von Überlebenden. Wie bist Du auf die Idee gekommen, das so zu machen?
Danger Dan: Ich habe mir das gar nicht bewusst überlegt. Ich habe vielmehr einfach drauflos geschrieben. Wenn ich hinterher den Song analysiere, dann frage ich mich das aber auch. Und vielleicht kann man die beiden Geschichten auch nicht so nebeneinanderstellen. Auf der anderen Seite muss man sie aber vielleicht genau so nebeneinanderstellen, weil der aktuelle Antisemitismus von dem Antisemitismus, der vielleicht schon der Vergangenheit angehört, gar nicht zu trennen ist. Als ich neulich mit einer Freundin darüber gesprochen habe, meinte sie, es gibt keine Gegenwart, in der nicht irgendwie eine Vergangenheit mitschwingt. Mir waren jedenfalls beide Geschichten, die ich erzählt habe, wichtig. Aber so richtig Gedanken darüber gemacht oder den Text bewusst aufgebaut, habe ich nicht. Leider!
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