
Knappe drei Jahre war die Siegener Rapperin Nazz mehr oder minder von der Bildfläche verschwunden, denn bis auf einige Gastbeiträge war von ihr nach dem durchaus erfolgreichen Mixtape „Rubin“, welches sie 2005 zusammen mit ihrem Partner Tide veröffentlichte, nicht viel zu hören. 2008 meldet sich die ehemalige Viva Mixery Raw Deluxe Battle Gewinnerin nun mit ihrem Solodebüt auf Albumlänge im Gepäck schlagkräftig zurück.
Wer in dieser zumeist von Männern dominierten Szene als Frau selbst vor dem Battlen nicht zurückschreckt, der muss eine ordentliche Portion Selbstbewusstsein besitzen. So verwundert es auch nicht, dass Nazz auch auf „Soul“ erneut große Töne anschlägt: „Nenn mich Frau Competition. Ich komm rein und nach 2 Lines steht fest: ich liege auf Pole Position.“ Nachdruck verleiht sie ihren Worten mit den Skillz, die sie an den Tag legt. So ist sie mit ihrem ausgefeilten Style und Hang zu komplexen Textschemata vielen ihrer männlichen Kollegen einen Schritt voraus. Zusammen mit Tide, der gleich zwei Featureparts zum Album beisteuern durfte, wird in „Fick drauf“ ausführlich mit dem, was manche Rapper und Kinder heutzutage Hip Hop nennen aufgeräumt. Ein ironisch pointierter Song, der manche Kinderzimmervorstellungen zum Wackeln bringen dürfte.
Insgesamt ist „Soul“ jedoch ein sehr tiefgründiges und persönliches Album geworden, weshalb die Representertracks auch die Ausnahme unter den 21 Titeln bilden. Viel mehr bekommt der Hörer den Rap einer Frau zu Hören, die Hip Hop als ihr Sprachrohr benutzt und uns so an ihrem Leben im positiven wie negativen Sinne teilhaben lässt. Ihre ideale Ergänzung findet sie dabei auf „Feuer & Eis“ in dem Dortmunder Donato, der ebenfalls für seine tiefgehenden Texte bekannt ist. Wie verwirrend die Gedanken in Nazz´ Kopf teils zu seien scheinen, bekommt man in „Monologe“ präsentiert. Ein Song, der durch Nazz´ Raps in Kombination mit Ill-Luzions Beat soviel an Authentizität gewinnt, dass er zu einem meiner Highlights auf diesem Album avancierte. „Irgendwie Absurd“ ist ein sehr sozialkritischer Song, der sich jedoch nicht gleich so offenbart, sondern dessen Botschaft in ein sehr komplex ineinander verstricktes Geschichtenkonstrukt eingebaut ist. So erinnerte mich der Track spontan an „Nackte Stadt“ von Rag, der für mich bis heute die Perfektion dessen darstellt.
Ihr Solodebüt ist kein depressives Release, viel mehr eine Seelen-Offenbarung, die wie bei jedem Menschen mal glücklich und mal traurig ausfällt und durch Songs wie „Soul“, „Sweet Day“ oder „Weil Wir Leben“ erfrischend aufgelockert wird. Als Featuregäste verewigten sich neben bereits genannten auch Sinuhe, B.E., Daez, Soundbwoy Boogie sowie die Sängerin Lou auf „Soul“. Eine besonders schönes Mini-Feature hat Nazz´ Tochter auf dem Song „Ich fühl“, bei dem jedem Hörer das Herz aufgehen dürfte. Neben den bekannten Produzenten Ill-Luzion und Truestatiks, die einen gewohnt guten Job machten, überraschte mich vor allem der Siegener TANKbeats, der gleich drei richtige Bretter zum Album beisteuerte.
Nach diversen schlechten Alben von deutschen Rapperinnen setzt Nazz mit einem auf Albumlänge sowohl in Style als auch Inhalt überzeugendem Release ein Ausrufezeichen für die Riege der female Emcees. Hip Hop wie er sein sollte: Ehrlich, authentisch und dennoch abwechslungsreich. Und sollte ihr Album dennoch keinen Erfolg haben, ist das auch halb so wild, denn sie bleibt „die ewige Miss Underground, die drauf scheißt, wenn sie draußen steht.“
01. Soul 02. N.A.Z.Z. feat. Sinuhe 03. Wenn Ich Seh 04. Irgendwie Absurd 05. Nix Is´ 06. Ruhe Vor Dem Sturm feat. Lou 07. Feuer & Eis feat. Donato 08. Zu Laut 09. Wann Ist Endlich Wieder Sommer 10. Monologe 11. Renn! 12. Sweet Day 13. Ich Bin feat. DJ Crates 14. Bis Zum Ende feat. Daez und Tide 15. Punschleim feat. B.E. 16. Ich Fühl 17. Die Anderen 18. Ich Mach Die Augen Zu 19. Und Dann Seh Ich Dich feat. Soundbwoy Boogie 20. Fick Drauf feat. Tide 21. Weil Wir Leben INTERVIEW: Nazz - Offen, ehrlich und direkt www.nervousnazz.de www.myspace.com/nervousnazz 
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